Geschichte des IKDE

Forschungsperspektiven im Wandel

Das IKDE ist aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlich relevanten Fragestellungen verpflichtet. Zugleich besitzt es eine bewegte, über 70 Jahre währende Geschichte. Kontinuität und Weiterentwicklung in sich verändernden politischen und gesellschaftlichen Kontexten spiegeln sich in der Geschichte des Instituts und seinen Beständen.
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Perspektiven damals: Sprachinsel- und Heimatvertriebenen-Volkskunde im 20. Jahrhundert

Das Freiburger Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa geht auf die Tätigkeiten des Volkskundlers Johannes Künzig (1897–1982) zurück. Künzig war 1922 in Heidelberg mit einer Arbeit über das badische Volkslied promoviert worden und machte sich mit weiteren Publikationen, etwa 1923 mit der Edition badischer Sagen, einen Namen als Volkskundler. Gegen Ende der 1920er-Jahre wandte er sich den sogenannten „Auslandsdeutschen“ zu. Im Rahmen der damaligen Sprachinselvolkskunde, die von der weitgehenden sprachlichen und kulturellen Isolierung der außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebietes lebenden Deutschen im östlichen Europa ausging, hoffte Künzig bei den „Auslandsdeutschen“ möglichst ursprüngliche Formen der Volkserzählung und des Volkslieds vorzufinden. Ab 1930 bereiste Künzig mehrmals vor allem das südöstliche Europa. Als Ergebnis dieser Reisen entstanden volkskundliche Monografien und Bildbände, aber auch Filme und Tonaufnahmen, von denen einige noch im Institut archiviert sind. Daneben betreute Künzig das von ihm aufgebaute badische Volksliedarchiv und engagierte sich in der angewandten Volkskunde. Künzig verstand seine wissenschaftliche Tätigkeit wohl als unpolitisch, diente sich dem nationalsozialistischen Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturbetrieb aber aktiv an. Er profitierte so auch persönlich von der Bedeutungssteigerung, die die Volkskunde im Dritten Reich erfahren hatte. 1937 erhielt er, bis dahin im Hauptberuf Gymnasiallehrer, eine Professur an der Hochschule für Lehrerfortbildung in Karlsruhe. Von 1942 bis 1945 vertrat er kommissarisch das Fach Volkskunde an der Universität Freiburg. Bei einem Bombenangriff auf Freiburg im November 1944 wurden die Räume der im Aufbau befindlichen Abteilung Volkskunde der Universität zerstört, wobei Künzig den größten Teil seiner Forschungsmaterialien verlor. Nach 1945 schloss die französische Besatzungsmacht das Fach Volkskunde an der Freiburger Universität wegen dessen Nähe zum Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang wurde Künzig aus dem Universitätsdienst entlassen und 1949 in den Ruhestand versetzt. Zuvor wirkte er noch ab 1947 als Flüchtlingsreferent bei der Caritas, wo er bereits 1923 in der Pressestelle tätig gewesen war.

Private Sammlungsinitiative als Vorgängerin des Instituts

1951 wandte sich Künzig mit einem Aufruf zur Sammlung volkskundlicher Überlieferungen der Heimatvertriebenen an die Öffentlichkeit. Ihm ging es dabei um „Schilderungen des heimatlichen Lebens“ und „der Ausweisung, der Flucht und der Schicksale im Westen“, aber auch um die Dokumentation von „Tracht und Volkskunst“, „Volkslieder“, „Volksmusik“ und vieles mehr, was dem volkskundlichen Kanon der Zeit entsprach. Übergeben werden sollten die Erträge der Sammlungstätigkeiten der Zentralstelle für Volkskunde der Heimatvertriebenen, wie Künzig sein zunächst privat verfolgtes Projekt nannte. Wie andere Volkskundlerinnen und Volkskundler, die sich in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit mit der Sprachinselvolkskunde bzw. deutschen Minderheiten im östlichen Europa beschäftigt hatten, verfolgte auch Künzig nach 1945 seine bisherigen Interessen in modifizierter Form und unter veränderten politischen und gesellschaftlichen Vorzeichen weiter – und zwar im Kontext der sogenannten Heimatvertriebenenvolkskunde. So ging es erneut um die Sicherung und Bewahrung des vermeintlich besonders Eigentümlichen der Deutschen aus dem östlichen Europa, welches nun infolge von Flucht und Vertreibung als bedroht wahrgenommen wurde. Auch Künzig selbst entfaltete eine umfangreiche Sammeltätigkeit, unter anderem in Form von Tonaufnahmen mit Vertriebenen, die er ab 1951 durchführte, sowie einer Sammlung der Einsendungen, die er auf seine Sammlungsaufrufe hin erhielt. Unter anderem diese Bestände bildeten das Fundament für die bis heute andauernde Sammlungstätigkeit des IKDE, die inzwischen selbstverständlich auf gänzlich anderen wissenschaftlichen Voraussetzungen, Vorgehensweisen und Zielen beruht.

Aufnahme in die Trägerschaft des Landes Baden-Württemberg

1964 konnte Künzig erwirken, dass seine private „Zentralstelle“ als Institut für ostdeutsche Volkskunde in die Trägerschaft des Landes Baden-Württemberg übernommen wurde. Seitdem untersteht das Institut dem Innenministerium Baden-Württemberg. 1970 übergab Künzig die Leitung des Hauses an seine langjährige Mitarbeiterin und spätere Ehefrau Waltraut Werner-Künzig, blieb aber der Vertriebenenforschung im Sinne Künzigs eng verbunden, was auch die 1983 erfolgte Umbenennung in Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde dokumentiert. Nach dem Ausscheiden von Waltraut Werner-Künzig fungierte Gottfried Habenicht von 1989 bis 1996 als kommissarischer Leiter des Hauses. Danach hatte Peter Assion, Lehrstuhlinhaber am Institut für Volkskunde an der Universität Freiburg, vom Herbst 1993 bis zu seinem Tod im Frühjahr 1994 die Leitung inne. Von 1996 bis 2021 leitete Werner Mezger das Institut. Infolge der politischen Wende 1989/90 und der Ende der 1990er-Jahre erfolgten Neuausrichtung auf Grundlage von § 96 des Gesetzes über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge veränderte auch das Institut seine Interessen und Tätigkeitsschwerpunkte. Viel stärker als zuvor stehen seither bei der Erforschung der Deutschen des östlichen Europa Fragen von Multiethnizität und kultureller Verflechtung im Mittelpunkt. Neue Kontaktmöglichkeiten ins östliche Europa wurden geschaffen, was sich in bis heute bestehenden Kooperationspartnerschaften, im Stipendienprogramm sowie zahlreichen projektbezogenen Vernetzungen widerspiegelt. Seit dem 1. Oktober 2021 ist Markus Tauschek Leiter des IKDE, wie Werner Mezger ebenfalls Professor am Institut für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Freiburg.

Perspektiven heute: Verflechtungen, Identitäten, Transformationen

Im Jahr 2013 wurde das Institut in Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa (IVDE) umbenannt. Diese Umbenennung reagierte auf die Haltung Johannes Künzigs während des Nationalsozialismus und sollte den breiten Forschungsfokus des Instituts zeitgemäßer abbilden. Zum 1. April 2025 erfolgte eine erneute Umbenennung, die auf den Namenswechsel des zentralen wissenschaftlichen Fachverbandes reagierte. So firmiert seit 2022 der vormalige Fachverband Deutsche Gesellschaft für Volkskunde(dgv) unter dem neuen Namen Deutsche Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (DGEKW). Wie zahlreiche andere Universitätsinstitute (so auch das Freiburger Institut), Lehrstühle sowie außeruniversitäre Einrichtungen nahm auch das IKDE diesen Schritt zum Anlass, sich vom in vielfacher Hinsicht problematischen Begriff der Volkskunde im Institutsnamen zu verabschieden und diesen durch Kulturanalyse zu ersetzen.

Literatur