
Fachgeschichtlich wertvoll
Der Nachlass spiegelt die Schwerpunkte von Künzigs und Werner-Künzigs wissenschaftlicher Arbeit wider. Künzigs Wirken als Volkskundler erstreckte sich über drei unterschiedliche politische Systeme und Kontexte. Der Nachlass stellt deshalb eine wichtige historische Quelle dar, um Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde analysieren zu können. Ein Beispiel für eine inhaltliche Kontinuität in Künzigs Arbeitsweise stellen seine Rückgriffe auf die sogenannte Sprachinselvolkskunde dar.
Neben den umfangreichen Sammlungen zur badischen Volkskunde und zur Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa enthält der Nachlass verschiedene wissenschaftliche Arbeiten und Aufsätze, private Unterlagen und Korrespondenzen. Daneben beinhaltet er eine umfangreiche Sammlung an Literatur zu Künzigs Forschungsfeldern. Die genannten Bestände stellten in weiten Teilen bislang unbekannte Quellen dar, mit deren fortlaufender Bearbeitung ein hoher Erkenntnisgewinn im Bereich der Wissenschaftsgeschichte des Fachs Volkskunde zu erwarten ist, u.a. versprechen die Korrespondenzen der beiden Nachlassgeber mögliche Rückschlüsse auf deren Selbstverortung im Wissenschaftsbetrieb während des Nationalsozialismus.
Sprachinsel- und Vetriebenenvolkskunde
Beschäftigte sich Künzig zu Beginn mit badischen Volksüberlieferungen, so rückte seit den 1930er-Jahren die Volkskunde der deutschen Minderheiten bzw. Bevölkerungsgruppen in Ostmittel- und Südosteuropa in seinen Fokus. Die Sprachinselvolkskunde schrieb den Traditionen und Bräuchen der auf (vermeintlich) isolierten „Sprachinseln“ lebenden deutschen Minderheiten eine besonders ausgeprägte Authentizität zu. Während des NS-Regimes ergaben sich zahlreiche Überschneidungspunkte zwischen Künzigs thematischer und fachlicher Ausrichtung und den Bestrebungen des Regimes hin zu einer Neuordnung Osteuropas. Dies und die Mitgliedschaft in mehreren NS-Organisationen nutzte Künzig zum weiteren Vorantreiben seiner Forschung. In der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs reiste Künzig mit Studierenden etwa in die Slowakei und die deutsch besetzte Ukraine.
Nach Kriegsende stellten Künzig und Werner-Künzig die Dokumentation der kulturellen Traditionen der Heimatvertriebenen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Im Rahmen ihrer Forschung und weiterer Forschungsreisen ins östliche Europa entstanden umfangreiche Sammlungsbestände. Im Zentrum standen dabei die Aufzeichnung von mündlichen Überlieferungen, von Volksliedern und -musik und deren fotografische Dokumentation. Das entstandene Material bildete die Basis des Ton- und des Bildarchivs des Instituts. Das Denkmodell der Sprachinselforschung wirkt in Künzigs und Werner-Künzigs nach 1945 betriebenen Volkskunde der Heimatvertriebenen fort, in deren Kontext auch die Gründung der Zentralstelle für Volkskunde, des heutigen IKDE, fällt.