Nachlass Alfred Karasek

52.000 Einzelbelege zur „Volkskunde der Heimatvertriebenen“

Alfred Karasek war ein führender Vertreter der deutschen Sprachinselforschung der 1930er- und 1940er-Jahre. An der „Völkischen Wissenschaft“ orientiert, stellte er seine Forschungen in den Dienst des Dritten Reiches und beteiligte sich am nationalsozialistischen Kulturgutraub im besetzten Osteuropa. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte er die Volkskunde der Heimatvertriebenen und fand auch mit seinen Arbeiten über Weihnachtskrippen fachliche Anerkennung.
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Der Nachlass von Alfred Karasek (1902–1970) wurde 1985 dem IKDE (damals: Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde) übergeben. Es handelt sich um einen Teilnachlass, der vor allem die Materialbestände der „Forschungsstelle Karasek für ostdeutsche Volkskunde“ in Bischofswiesen umfasst, die nach dem Tod Alfred Karaseks zunächst von seinem Mitarbeiter Josef Lanz in Stuttgart verwaltet worden waren. Der Bestand gliedert sich sachlich grob in vier Teile.

Populare Kultur der „Heimatvertriebenen“

Diese Sammlung enthält Aufzeichnungen, Dokumente und Berichte von popularen Kulturveranstaltungen der „Heimatvertriebenen“ aus Ostmitteleuropa in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und später der Bundesrepublik Deutschland, die gegebenenfalls schon in den Herkunftsgebieten existiert hatten. Karasek selbst betitelte die vorwiegend in Süddeutschland erhobene Sammlung mit „Sitte und Brauch nach 1945“. Als „populare Kulturveranstaltungen“ werden, jenseits von Hochliteratur, Theater, Oper und Ballett, hier die Feste, Brauchformen, Auftritte, Erzählungen, Musikdarbietungen und Gesänge, Frömmigkeitshandlungen, überhaupt kulturell-repräsentative Handlungen der „Heimatvertriebenen“ bezeichnet, die aus der traditionellen Lebenswelt der „Heimatvertriebenen“ stammten. Einen bis in die Gegenwart mehrfach erforschten, selbständig rubrizierten Teilbestand stellen darin die im Durchgangslager Piding/Oberbayern zwischen 1952 und 1954 unter Donauschwaben aufgezeichneten sagenhaften Geschichten dar (Rubrum „Neue Sagenbildung“).

Alfred Karasek (Bildmitte in die Kamera blickend) bei Erhebungen unter „Heimatvertriebenen“ im Durchgangslager Piding/Oberbayern, um 1953.
Alfred Karasek (Bildmitte in die Kamera blickend) bei Erhebungen unter „Heimatvertriebenen“ im Durchgangslager Piding/Oberbayern, um 1953.
Rückansicht der Unterkünfte der Geflüchteten und Vertriebenen im Durchgangslager Piding/Oberbayern, um 1953.
Rückansicht der Unterkünfte der Geflüchteten und Vertriebenen im Durchgangslager Piding/Oberbayern, um 1953.

Erzählgut aus den 1930er-Jahren

Einen weiteren großen Teilbestand macht die große Sammlung „Erzählgut“ aus, Texte, die schwerpunktmäßig in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien und insbesondere Ungarn während der 1930er-Jahre aufgenommen worden sind. Diese Texte sind bereits vor dem Zweiten Weltkrieg als Notate in Gabelsberger Stenographie aufgezeichnet, dann nach 1949 als Typoskripte transkribiert und als Kulturerbe der Heimatvertriebenen ausgezeichnet worden.

Ausschnitt einer Feldnotiz von Alfred Karasek.
Notizen Alfred Karaseks in Gabelsberger Stenografie und Sütterlin-Schrift aus seinem Feld-Tagebuch. Karasek führte es von 1931 und 1932 während seiner Forschungen in Deutsch-Pilsen (Nagybörzsöny), einem ungarndeutschen Ort in Nord-Ungarn.

Hier ist der zugrundeliegende Forschungskontext zu beachten, da sie im Rahmen der vom Nationalsozialismus geprägten völkischen Sprachinselforschung der 1930er-Jahre von Alfred Karasek und Walter Kuhn erhoben worden waren. Zahlreiche Texte stammen jedoch auch von ungarndeutschen Forscherpersönlichkeiten aus Ungarn selbst, die aus einem anderen Forschungskontext kamen und von denen auch ungarischsprachige Texte in die Sammlung gelangten (etwa Anna Loschdorfer und Eugen Bonomi).
1940 wirkte Karasek an der Umsiedlung der Bessarabien-Deutschen in Gebiete des besetzten Polens mit und war an den Plänen zur Umsiedlung der „Volksdeutschen“ aus der Bukowina und aus Wolhynien ins Reichsgebiet beteiligt (1939 als „Gebietsbevollmächtigter für Wolhynien“, ab 1940 beim SS-Sonderkommando Künsberg).
In den Zusammenhang der völkischen Sprachinselforschung der Zwischenkriegszeit gehören auch die umfangreichen Aufzeichnungen deutschsprachiger geistlicher Schauspiele in südostmitteleuropäischen Gemeinden, die das biblische Heilsgeschehen an hohen christlichen Feiertagen anschaulich machen sollten. Im Nachlass Karasek wurden diese Aufzeichnungen – nicht allein von Karasek, auch zahlreich von Grete und Karl Horak aufgezeichnet – unter dem Rubrum „Volksschauspiele“ archiviert.

Weihnachtskrippen-Bilder

Ein dritter großer Teilbestand besteht in der Sammlung von Weihnachtskrippen-Bildern (zumeist Fotografien) aus dem historischen Ostmitteleuropa. Ergänzend hierzu sind zahlreiche, nach Herkunftsorten in Ostmitteleuropa gegliederte Notizen und Berichte zur Herstellung und zum Vorkommen verschiedener Krippen (Praesaepes) angelegt worden. Dazuhin finden sich, einzigartig in Deutschland, auch regestenartige, handschriftliche Notizen aus Archiven der Jesuiten zur Verbreitung von Krippenanlagen im Zuge der Gegenreformation („Annuae Litterae“, 16. bis 18. Jahrhundert).

Fotografie einer Weihnachtskrippe
Fotografie einer aus Neutitschein (Nový Jičín, Tschechien) nach Deutschland mitgebrachten Weihnachtskrippe. Einige der Figuren der heute in Prien am Chiemsee beheimateten Krippe stammen aus der Zeit des Barock (um 1780).

Korrespondenz

In der von Alfred Karasek hinterlassenen, umfangreichen Korrespondenz spiegeln sich die verschiedenen Zielrichtungen der volkskundlichen Heimatvertriebenen-Forschung und der Aufbau der „Kommission für Volkskunde der Heimatvertriebenen“ in der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 und bis 1969.

Der Bestand wurde im Umfang von etwa 70 Prozent im Rahmen einer Einzelblattverzeichnung erfasst. Es kann unter anderem nach Stichworten oder Orten recherchiert werden

Literatur (Auswahl)