IKDE-Jahrestagung

Zukunftsorientierungen des Erinnerns. Das Beispiel „Flucht und Vertreibung“

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Aufbau des Bühnenbilds für 41. Sudetendeutscher Tag, München 1990.

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  • Veranstaltungssaal der Universitätsbibliothek Freiburg (1. OG, Parlatorium), Platz der Universität 2, 79098 Freiburg

Interdisziplinäre Tagung des Instituts für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa, Freiburg (IKDE) in Kooperation mit dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Freiburg

2025 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 80. Mal. Voraussichtlich wird dabei wie schon bei den früheren runden Jahrestagen u.a. auch die Geschichte von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung im östlichen Europa in den Fokus des öffentlichen Interesses und Erinnerns rücken. Mit „Flucht und Vertreibung“ ist hier ein Begriffspaar genannt, unter dem im deutschsprachigen Diskurs eine ganze Bandbreite historischer Ereignisse subsumiert wird und das in diesem synthetischen bzw. verkürzenden Charakter bereits Ausdruck (historisch variabler) erinnerungskultureller Konstellationen ist.

Seit mehreren Jahren bestimmt die Frage nach dem demographischen Wandel und dem damit verbundenen Zurücktreten der Erlebnisgeneration die Debatten über die Erinnerung u.a. an den Holocaust, den nationalsozialistischen Terror, den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen und auch an Flucht und Vertreibung. Was bspw. in den 1990er-Jahren noch als künftige demographische Entwicklung erörtert wurde, wird in unserer Gegenwart zur Tatsache: Altersbedingt wird die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer geringer. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Diskussionen darüber, wie Erinnerungs- oder Geschichtskultur (Fragen der Begriffswahl sind Teil der Debatten) in Zukunft beschaffen sein soll, an Intensität und zeigen in Teilen eine neue Qualität. Die Gegenstände des Erinnerns, ihre gesellschaftliche Relevanz und politische Rahmung werden dabei ebenso verhandelt wie etwa die Formen, Medien und verfügbaren finanzielle Ressourcen. Die Fragen nach der Zukunft des Erinnerns stehen dabei heute zugleich im Kontext von weiter ausgreifenden, immer dringlicher werdenden Zukunftsfragen (v.a. Klimawandel, digitale Transformation und geopolitische Neuordnungsbestrebung) und sind vielfach mit diesen verbunden.

Unter dem Schlagwort der „Zukunft der Erinnerung“ werden, teils vorschlagsweise, teils auch in normativer Absicht, die oben angerissenen Fragenkomplexe diskutiert. Wie muss/soll „Erinnerungskultur“ in einer zunehmend durch Migration und Diversität geprägten Gesellschaft beschaffen sein? Wie müssen/sollen sich bestehende erinnerungskulturelle Diskurse und Praktiken zu postkolonialen Perspektiven verhalten? Welche Potentiale besitzt Künstliche Intelligenz für zukünftige Formen der Zeitzeugenschaft? 

Was für diese beispielhaften und explizit auf die Zukunft des Erinnerns bezogenen Fragen gilt, lässt sich zugespitzt auch in Bezug auf erinnerungskulturelle Praktiken und Diskurse, Ausprägungen von Geschichtskultur oder institutionalisierte Formen des „Kulturerbes“ generell behaupten. Auch diese können (sei es als bewusst ausformuliertes Programm oder gar Utopie, sei es als Implikation, Andeutung oder Prämisse) Bezüge auf Zukünftiges besitzen. Erinnerung kann bspw. durch auf die Zukunft bezogene Hoffnungen, Vorstellungen, Ängste, Befürchtungen, Planungen etc. motiviert oder geprägt sein. Das Gedächtnis besitzt eine „Zukunftsorientierung“ (Aleida Assmann). Im Sinne der kulturwissenschaftlichen Zukunftsforschung bringen also auch Bezüge auf die Vergangenheit Zukunft hervor. Selbstverständlich sind auch Praktiken und Diskurse zu beobachten, deren Zukunftsorientierung im Beschweigen, Tabuisieren oder Zensieren besteht. 

Im Rahmen der Tagung sollen unterschiedliche Aspekte der Zukunftsorientierungen des Erinnerns analysiert werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Komplex „Flucht und Vertreibung“ der deutschen Bevölkerung im östlichen Europa in unterschiedlichen lokalen, regionalen, nationalen und transnationalen Kontexten. In zeitlicher Hinsicht interessieren hier v.a. aktuelle Phänomene. Ebenso sind historische Formen der Erinnerung an „Flucht und Vertreibung“ und ihre Zukunftsorientierungen relevant, denn diese Frage war entsprechenden Praktiken und Diskursen von Beginn an vielfach eingeschrieben.